“Liebt einander!”

Wir stehen in der Osterzeit. Wir feiern das Ostergeschehen vor nahezu 2000 Jahren. Doch was wir da feiern, ist nichts Vergangenes. Denn wir stehen wortwörtlich in der Osterzeit. Wir stehen – auch heute – unter der Erfahrung des Ostergeschehens. Auch wenn wir diese Erfahrung nicht selbst gemacht haben (die Jünger haben sie übrigens auch nicht selbst gemacht), sondern nur davon gehört haben, vertrauen wir doch fest darauf: Jesus ist auferstanden, und dadurch damit hat er auch uns eine ganz neue Lebensperspektive gegeben. Er hat uns “erlöst”, so sagen wir es. Wir sind also erlöste Menschen, österliche Menschen. Christen sind österliche Menschen. Aber woran erkennt man denn nun österliche Menschen – ja: Woran erkennt man Christen? Sie werden sagen, das sei doch einfach:

Christen sind Menschen, die getauft sind. Das stimmt. Die Taufe ist das zentrale Sakrament, die primäre Erfahrung des Christseins. Die ganze Würde von uns Christen ist Taufwürde. Also erkennt man Christen daran, dass sie getauft sind.

Christen sprechen mit Überzeugung das Glaubensbekenntnis, das apostolische und auch das große. Auch das stimmt, zumindest sollte es das.

Christen folgen Jesus, sie bleiben bei Jesus. Sie sind, so könnte man sagen, seine „Freunde“. So haben wir es heute auch im Evangelium gehört: „Ihr seid meine Freunde“, sagt er. „Freunde“ – und eben nicht „Knechte“! Damit gibt uns das heutige Evangelium einen klaren Hinweis, woran Christen zu erkennen sind, einen ganz einfachen Hinweis: „Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage.“

Und was trägt er uns auf? – Ganz einfach: „Liebt einander!“ Mehr nicht. „Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe.“ Das ist sein Gebot. Und: „Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe.“

Liebt einander!“ Das ist ein Imperativ. Das ist quasi der kategorische Imperativ für uns Christen. Daran soll man uns erkennen, als österliche Menschen, als Menschen, die wirklich erlöst sind und nun durch Jesus eine ganz neue Lebensperspektive haben: dass wir LIEBEN. Nicht theoretisch: Man sollte mal, man könnte mal – den Anderen auch lieben. Nein! Ganz praktisch, ganz alltäglich, ganz konkret! Und da geht es nicht um große Gefühle, um pathetisches Reden von Liebe. Da wird es ganz handgreiflich, eben ganz alltäglich.

Denn was meint Jesus denn, wenn er von „lieben“ spricht? „Die größte Liebe haben jene, die ihr Leben hingeben für ihre Freunde“, sagt er: Hingabe! So wie beispielsweise hier im Marienstift: Die Schwestern, die Pflegerinnen und Ärztinnen, aber auch die vielen Helferinnen und Helfer: Sie praktizieren doch tagtäglich nichts anderes als: Hingabe. Aber auch wir, wenn wir Anderen etwas Gutes tun, ihnen Wohl wollen und für sie da sind. Wenn wir den eigenen Egoismus überwinden – ganz alltäglich, im Kleinen: Das ist Hingabe.

Oder in der Familie: die Eltern, die Großeltern, die zum Teil unter schweren Bedingungen ganz alltäglich helfen, dienen, sich aufopfern, ja lieben!

Oder im Beruf! Und ich weiß, wie schwer das ist. Denn es ist ja nicht so, dass wir jeden Kollegen mögen oder mit jedem Nachbarn klarkommen. Und dann gibt es ja auch Menschen, die uns komplett gegen den Strich gehen oder die uns manchmal sogar Böses antun, und wie oft sind wir selber lieblos, und trotzdem! Jesus gibt uns dieses Gebot: “Liebt einander!” An anderen Stellen faltet er es breiter aus: Liebt Gott und die Nächsten und euch selbst! Hier sagt er ganz kurz: Liebt einander! Er macht das Lieben zum Erkennungszeichen für uns Christen; ja mehr als das: Es ist unser Wesensmerkmal: zu lieben!

Der heilige Augustinus schrieb einmal sehr schön in Auslegung unserer heutigen Bibelstelle: „Liebe – und tu, was du willst!“ Das meint: Du kannst tun, was du willst, wenn du nur liebst. Denn dann kannst du bei allem, was du tust, eigentlich nichts tun, was der Liebe widerspricht. Liebe ist dann die Grundlage allen Handelns. Eben der kategorische Imperativ für uns Christen. Aber nicht nur das!

Die heutige Lesung sagt uns noch mehr. Sie sagt: „Gott selbst ist Liebe“ – nichts anderes als Liebe. Denn Gott ist ja kein Dämon, der irgendwo wartet, dass Menschen ihm opfern und sich wohl verhalten, um ihn zu besänftigen. Der Gott Jesu Christi ist Liebe. Papst Benedikt XVI. hat genau darüber seine erste Enzyklika geschrieben: „Gott ist die Liebe“. Ein großartiges Buch! Darin zeigt er uns ganz deutlich, dass LIEBE das Zentrum der ganzen christlichen Offenbarung ist. Liebe ist nichts, was Gott irgendwie auch noch empfindet – neben anderem, sondern sie macht sein ganzes Wesen aus. Sein Wesen besteht darin zu lieben, immer, unbedingt, völlig voraussetzungsfrei.

  • Die Schöpfung, die ganze Schöpfung, gibt es nur aus Liebe;
  • Dass es uns Menschen gibt, geschah nur aus seiner Liebe;
  • Ja, dass Gott Mensch wurde, tat er allein aus Liebe zu uns.

Wenn dem aber so ist, und wir Christen glauben genau daran, dann hat das Konsequenzen: Dann sind nämlich nicht wir es, die den ersten Schritt gehen müssen, um überhaupt liebesfähig zu sein, ja, dann wird uns Liebe immer schon geschenkt als freies, bedingungsloses Geschenk.

Gnade nennen wir das. Gottes Liebe ist Gnade, ist Geschenk. „Nicht darin besteht die Liebe, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat“, sagt die heutige Lesung. Und durch Jesus ist diese Liebe Mensch geworden. Gottes Liebe ist immer schon da, wir müssen nur bereit sein, uns lieben zu lassen, dieser Liebe in unserem Leben Raum zu geben, der Liebe zu vertrauen. Auch das ist manchmal sehr schwer, dieses Vertrauen zu haben. Ich weiß. Aber Jesus zeigt uns Gott eben genau so, wie er ist. „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt.

Wie also holen wir als erlöste, als österliche Menschen diese Erlösung mit unserem eigenen Leben ein? Eben durch ein verändertes Leben, durch ein österliches Leben, durch Lieben.

(Probepredigt am 6. Sonntag der Osterzeit B, 6.5.2018, Marienstift, Mageburg)



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