Zachäus-Menschen

Würden Sie sagen, dass Sie ein Zachäus-Mensch sind?

Ich schon. Zunächst bin ich – wie Zachäus – nicht der allergrößte, eher „klein von Statur“, also zumindest hier in Preußen, wo die Menschen ja durchschnittlich größer sind als bei uns im Süden. Und dann bin ich nicht der allerärmste; ok, auch nicht wirklich reich. Aber einige würden sicher heute einen Bundesbeamten schon ein bisschen vergleichen mit einem Zolleintreiber damals.

Aber was zeichnet den Zachäus daneben eigentlich aus?

Doch vor allem, dass er neugierig ist. Er will wissen, wer dieser Jesus ist. Und da er keine Chance unter der Menschenmenge hat, klettert er auf den Baum, um seine Neugierde zu befriedigen. Denn er gehört nicht dazu. Er ist keiner der Anhänger Jesu, schon gar kein Jünger. Und bei den meisten ist er als Steuereintreiber sowieso schräg angesehen, „ein Sünder“; keiner von den Rechtschaffenen, keiner von den Frommen. Er steht außerhalb. Zunächst treibt ihn wohl Neugierde, „zu sehen, wer [dieser Jesus] sei“. Wahrscheinlich würde er von sich aus gar nicht auf die Idee kommen, den Herrn anzusprechen, die Beziehung zu Jesus zu suchen.

Aber das muss er auch gar nicht. Denn die Initiative geht von Jesus selbst aus. Er schaut Zachäus an. Er spricht ihn an; mit seinem Namen. „Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus bleiben.“

Es heißt also im Evangelium nicht, dass Zachäus sagte: Hey Jesus, was bist du für einer, was willst du von mir? Nein, nicht Zachäus muss die Initiative ergreifen. Jesus tut das.

Wie viele Menschen wird es heute geben, denen es genau so geht? Die sich nicht trauen würden, Jesus anzusprechen, die aber zu gerne wissen wollen, wer er ist? Wie viele Menschen, die nicht zu uns gehören, zu den überzeugten Christen, gerade hier im Osten? Die draußen sind. Wie viele, die wir, fromme Christen, sowieso als „Sünder“ begreifen würden.

Vielleicht erinnern Sie sich: Ich hatte zur Weihe das Bild von Sieger Köder „Das Mahl mit den Sündern“ ausgelegt. Da waren sie drauf, die für “Sünder” gehalten werden: die Juden, die Prostituierten, die Verrückten, die Intellektuellen, die Reichen, die Fremden. All‘ denen bietet Jesus auf dem Bild seine Hand an, sein Brot an, sich selbst an. So wie bei Zachäus. Er ist genau so einer; einer, der sich sicher danach sehnt, angenommen zu werden, beachtet zu werden, anerkannt zu werden. Und genau das tut Jesus. Er sieht ihn an. Er spricht ihn an. Er ist einfach da – auch für Zachäus.

Weshalb sagt Jesus denn, „auch dieser Mann ist ein Sohn Abrahams” – also ein Gerechter; der Name Zachäus heißt nichts anderes als „Gerechter“. Weil Zachäus seine Fehler erkennt; weil er die Hälfte dessen, was er hat, den Armen geben will; weil er sich nicht weiter ungerecht bereichern will; weil er wirklich umkehrt.

Als ich vor zwei Jahren das Pastoraljahr in Reinickendorf-Süd machte, war ich öfter auch in der JVA Tegel. Dort habe ich solche Menschen kennengelernt. Menschen, die wirklich umgekehrt sind, die ihre Fehler erkannt haben, die sich ändern wollten, die nicht mehr nur an sich selbst und ihren kleinen Profit gedacht haben, sondern inzwischen wirklich für andere da sind.

Das ist doch die Pointe der Zachäus-Erzählung.

Zachäus wird kein anderer Mensch. Er wird immer noch derselbe sein: klein, relativ reich, Steuereintreiber, Beamter. Aber er ist anders, weil er für andere, für die Armen, da ist. Durch die Begegnung mit Jesus. „Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden“.

Warum? Weil Zachäus seinen Weg ändert. Zachäus ändert seinen Weg durchs Leben. Er erkennt, dass Jesu Weg der richtige ist. Auch für ihn. Und dazu muss er gar nichts machen. Denn Gott liebt jede und jeden – ausnahmslos! Zu allen ist er barmherzig, wie es in der ersten Lesung heißt. Jesus schaut ihn an, spricht ihn an, zeigt ihm den Weg, indem er zu ihm kommt; bei ihm einkehrt und mit ihm Mahl hält.

So kann es auch uns gehen. Er kann auch uns anschauen, uns ansprechen, sich bei uns einladen und bei uns sein. Wir müssen gar nichts tun. Wir müssen nur Zachäus-Menschen sein und neugierig sein auf diesen Jesus und seinen Weg. Und vielleicht mal einen Ort aufsuchen, von wo aus wir ihn besser sehen können. Das muss kein Maulbeerfeigenbaum sein. Ganz egal. Wir müssen nur Zachäus-Menschen sein. Amen.

(Predigt am 31. Sonntag im Jahreskreis C [Lk 19,1-10], 3.11.2019, Maria Gnaden, Berlin-Hermsdorf)



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