Der Gott der Liebe

Wir stehen vor dem Beginn der Karwoche, morgen feiern wir Palmsonntag. Ich finde, gerade in den Tagen vor Ostern wird unser Glaube ganz besonders herausgefordert. Das empfinde ich übrigens in jedem Jahr so, aber in diesem noch viel mehr. Das Corona-Virus führt uns unsere Verletzlichkeit auf dramatische Weise vor Augen, und wie so viele Menschen stelle ich mir die Frage: Warum lässt Gott dieses Leid zu? Seit jeher empfinden die Menschen Leid, Not und Schmerz als die Herausforderung schlechthin für unseren Glauben an Liebe, an Güte, an Barmherzigkeit, ja an Gott selbst.

Wo ist denn unser Gott, wenn Menschen so viel Leid widerfährt? Keine Antwort, die uns darauf gegeben wird, ist wirklich befriedigend, wirklich erlösend, wirklich glaubwürdig. Außer einer: Gott ist am Kreuz. Wir glauben, dass Jesus in seiner Liebe so weit gegangen ist, dass er sogar am Kreuz dafür gestorben ist. Auch im Schlimmsten, das uns widerfährt, verlässt uns diese Liebe nicht. Sie ist immer bei uns.

Die vermutlich älteste Kruzifix-Darstellung, die erhalten ist, befindet sich in Rom auf dem Palatin. Es ist ein Graffito, also eine in Stein geritzte Zeichnung, die einen Mann zeigt, der vor einem Kruzifix betet. Am Kreuz hängt eine Gestalt mit Eselskopf. Die Zeichnung verspottet den Betenden als Dummkopf, als Narren, der einen Esel anbetet. An einen gekreuzigten Gott glauben – welch eine Eselei, welch lächerliche Torheit, so wollten die Zeichner es zu verstehen geben.

Ähnlich reagieren nicht wenige angesichts des Leids, des Elends, des Todes durch das Corana-Virus. Ist da nicht der Dumme, wer annimmt, dieses Kreuz gehöre zu unserem Dasein, und trotzdem an den Gott der Liebe glaubt? Und vor allem: Ist da nicht ein Esel, wer täglich in den Krankenhäusern und Pflegestationen bis zum Umfallen für Notleidende da ist, wer sich abrackert, damit auch unter diesen Bedingungen das Leben weitergeht, wer versucht, unseren Kindern auch jetzt ein Leben der Güte, der Freiheit und Solidarität zu eröffnen?

Wir Christen glauben nicht, dass Gott Corona als Strafe für uns geschickt hat oder dass es Gott ist, der uns leiden lässt. Nein, gerade in den Tagen vor Ostern bekennen wir: Auch wenn manche es für eine Rieseneselei halten mögen, wir Christen glauben und vertrauen darauf, dass Gott auch am Kreuz bei uns ist, dass die Liebe, die Jesus uns gezeigt hat, niemals endet!

 

(Geistlicher Tagesimpuls am 4.4.2020)



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