Gottes Geist – die Quelle des Lebens

Wem vertrauen wir eigentlich in unserem Leben? Wem vertrauen wir wirklich?

Denen, die mir nahestehen, werden Sie sagen: Den eigenen Eltern und Kindern – hoffentlich!, obwohl es da viele Gegenbeispiele gibt; unseren Freunden natürlich, doch auch hier gibt es Enttäuschungen. Wem vertrauen wir eigentlich – wirklich? Doch nur denjenigen, von denen wir meinen, dass wir uns auf sie verlassen können. Aber wirklich wissen können wir das nicht. Wirklich wissen können wir relativ wenig. Nicht einmal, wie ein Wissenschaftler einmal sagte, dass jeden Morgen die Sonne aufgeht oder dass mein Wecker klingelt. Wissenschaftlich ist das nur eine Hypothese. Es ist höchstwahrscheinlich, aber ich muss darauf vertrauen, dass es so eintritt.

In unseren Beziehungen ist es noch schwieriger zu vertrauen. Wir alle kennen diese Erfahrung. Ohne Vertrauen können wir nicht leben. Wir würden in keinen Fahrstuhl steigen, in kein Flugzeug ohne Vertrauen, wir könnten nicht einmal den Kühlschrank öffnen, ohne intuitiv darauf zu vertrauen, dass dahinter nichts Schlimmes wartet.

Vertrauen trägt unser Leben. Und es gibt ja Menschen, die krankheitsbedingt, z. B. durch seelische Traumata, dieses Vertrauen eben nicht aufbringen, nicht einmal in solchen Alltagsdingen. Ihr ganzes Leben ist dadurch bestimmt. Ohne Vertrauen kann unser Leben nicht gelingen.

So ist es auch mit dem Heiligen Geist, der Geist, den Gott uns schenkt. Gottes Geist weckt in uns Vertrauen, Vertrauen ins Leben, Vertrauen in uns selbst, Vertrauen in die Liebe, Vertrauen in andere Menschen, Vertrauen in Gott. Das geht allem voran. Ohne dieses Vertrauen könnten wir auch keine Christen sein. Denn das Christentum ist ja nicht zuerst irgendeine Morallehre oder eine Rechtsnorm. Es ist eine Beziehung, die Beziehung zu Jesus. Aber bevor es meine Beziehung zu Jesus ist, ist es die Beziehung Jesu zu seinem Vater. „Wer mich sieht, sieht den Vater“, sagt der Herr (Joh 14,9). So wie Jesus ist, ist Gott. Und wie kommen wir zu ihm in Beziehung? Durch seinen Geist. Keiner kann sagen, Jesus ist der Herr, in dem nicht der Geist Gottes anwesend ist (vgl. 1 Kor 12,3b).

Im Evangelium hören wir, dass Jesus den Jüngern mit seinem Hauch den Heiligen Geist schenkte (vgl. Joh 20,22). Wir Christen vermitteln dies durch Taufe und Firmung.

Aber wie erkennen wir den Heiligen Geist? Der Heilige Ignatius von Loyola, der Gründer des Jesuitenordens und große geistliche Lehrer der frühen Neuzeit, hat diese Frage, die er die Unterscheidung der Geister nannte, zur Grundlage seiner Spiritualität gemacht.

Da ist zunächst mein eigener Geist, alles was ich denke und fühle, was aus mir kommt an Ideen, Wünschen und Ängsten. Um den geht es Ignatius aber nicht. Denn der ist uns im Allgemeinen relativ leicht klar. Entscheidend sind die beiden anderen „Geister“ oder geistigen Kräfte, die von außen in uns kommen:

Zum einen: Gottes Geist, den wir den Heiligen Geist nennen. Und zum anderen: den Geist des Bösen, Satans, des Verwirrers, oder wie auch immer wir ihn nennen wollen. Unterscheiden können wir die beiden relativ einfach, erklärte Ignatius:

Alles, was uns aufbaut, was uns frei macht und unser Leben und unser Glück fördert, was uns vergeben lässt und tröstet, was uns lieben lässt, kann nichts anderes sein als Gottes Geist. Der schlechte Geist, der Negativgeist, ist der Geist, der uns böse sein lässt, der uns runterzieht, der uns abhängig sein lässt und unfrei, der unser Leben und Glück nicht fördert und uns trostlos zurücklässt.

So einfach war das für Ignatius v. Loyola. Auch wenn es für uns heute vielleicht nicht ganz so einfach ist – ich finde, diese Unterscheidung kann auch uns heute eine Hilfe sein, um uns verständlich zu machen, wie Gottes Geist wirkt.

Und diesen Geist Gottes müssen wir uns gar erst reflexiv bewusst machen oder von uns aus aktivieren. Er ist immer schon in uns. Er ist bei uns. Gott schenkt ihn uns ohne unser Zutun. Pfingsten lehrt uns, Gottes Geist in allem, was uns begegnet, zu finden und zu spüren. Und diesem Geist zu vertrauen.

An Pfingsten vertrauen wir darauf:
Der auferstandene Christus ist bei uns – jetzt und alle Zeit, immer, und immer schenkt er uns seinen Geist; der Geist, der uns spüren lässt, dass wir geliebt sind, und der so allererst Beziehung und Gemeinschaft schafft; der Geist der Liebe, der uns – schließlich – mit Christus auferstehen lässt; Gottes heiliger Geist, der Geist der Wahrheit, die Quelle des Lebens.

 

(Predigt zu Pfingsten, 31.5.2020, in Maria Gnaden, Berlin-Hermsdorf, und in St. Hildegard, Berlin-Frohnau)



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