„Der Mensch wird erst am Du zum Ich“

Heute ist der 55. Todestag von Martin Buber. Der große jüdische Gelehrte, der aussah wie ein biblischer Prophet, wurde 1878 in Wien geboren und starb 1965 in Jerusalem. Als ich 17 oder 18 Jahre alt war, las ich zum ersten Mal sein Werk „Ich und Du“, ein schmales Büchlein von knapp 100 Seiten. Dieses Buch hat bis heute wie wenige mein Denken geprägt. Ich finde, wir Christen können von Martin Buber sehr viel lernen.

Buber erkannte, dass wir alles, was uns im Leben begegnet, vor allem auch die Menschen, die uns begegnen, entweder als „Es“ verstehen können, als Objekte, als Gegenstände, die einfach vorhanden sind und mit denen wir im besten Fall umgehen können, sie gebrauchen können. Oder aber wir verstehen das, was uns begegnet, als „Du“, zu dem wir in Beziehung stehen. Vor allem aber erkannte Buber, dass wir erst an diesem Du, an diesen Beziehungen zu den Anderen, überhaupt zu uns selbst werden, zum „Ich“. „Der Mensch wird erst am Du zum Ich.“ (Buber, Ich und Du, 2005, S. 28)

Wir sind also nicht einsam und allein in dieser Welt, lauter einzelne Ichs, die sich irgendwie zurechtfinden müssen. Unser ganzes Leben lang sind wir getragen von Beziehungen, mal besseren, mal schlechteren, aber ohne diese Beziehungen könnten wir gar nicht leben. Wir sind auch nicht nur dazu in der Welt, um uns selbst zu verwirklichen, es sei denn, Selbstverwirklichung meint das, was Buber meinte, dass wir am Du zum Ich werden, dass wir für andere da sind.

Im Evangelium sagt uns Jesus, dass ich demjenigen, die mir zum Du wird, zum Nächsten werde, und er nennt das Dasein für andere: „Hingabe“, ja „Liebe“. Im Dasein für den Nächsten werde ich so, wie Gott mich als Mensch gewollt hat. Und Gott? Er ist das ewige Du. Auf ihn läuft mein Leben, läuft alles, was ist, hin. Durch die Beziehung zu ihm werde ich zu dem, der ich sein soll. Aber diese Beziehung muss ich nicht erst mühsam suchen. Gott kommt immer schon auf mich zu und in Jesus zeigt er mir seine unendliche Liebe – und zwar ganz konkret in meinem Leben.

Bubers Denken wurde oft als Schmalspur-Philosophie kritisiert, und es stimmt, eine systematische Philosophie mit vielen dicken Büchern hat er nicht hinterlassen. Aber das kleine Büchlein „Ich und Du“ kann auch heute noch vielen Menschen eine Hilfe sein. Uns Christen kann es helfen, besser zu verstehen, was wir meinen, wenn wir Jesus auf seinem Weg zum Nächsten folgen wollen. Als Christ könnte ich also zu Buber sagen:

Wir sind in dieser Welt,
um auf Gottes Liebe zu antworten.
Jeder kann seine Antwort finden.
Aber auf Liebe kann man nicht anders antworten als durch Liebe.
Diese Antwort macht unser Menschsein aus.
Denn wirklich Mensch werden wir erst durch Liebe, durch die Liebe zum Du, das mir begegnet, und durch die Liebe zu Gott, dem ewigen Du, der mir mit seiner Liebe immer schon entgegenkommt.

 

Bild: ©️ public domain

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