Nichts brauchen wir Menschen so sehr wie Liebe

Mt 22, 34-40

Im heutigen Tagesevangelium zitiert Jesus die beiden wesentlichen Gebote, die für fromme Juden seit jeher gelten: Gottesliebe und Nächstenliebe. Aber sie sind auch sein Gebot, denn sein Gebot ist nichts anderes als das des jüdischen Gesetzes und der Propheten.

Nun ist das mit den Geboten aber so eine Sache:

Wenn zum Beispiel bis vor wenigen Jahrzehnten ein Außenstehender gefragt worden wäre, was denn ein guter Katholik sei, hätte er bestimmt geantwortet: Einer, der jeden Sonntag in die Kirche geht, der freitags kein Fleisch isst, der in den Wochen vor Ostern fastet und der sich nicht scheiden lassen darf.

So ungefähr war die allgemeine Vorstellung, und in der Tat wurde man daran gemessen, ob man einer ist, der die Gebote der Kirche strikt befolgt oder nicht. Auch zur Zeit Jesu gab es das, diesen Legalismus, dass man vor allem darauf bedacht sein muss, alle Gebote und Gesetze genauestens einzuhalten, wenn man seine Seele retten will. Man sagt, für die gläubigen Juden habe es 613 Gebote gegeben und unendlichen Streit darüber, welche denn wichtiger seien als andere.

Jesus aber macht es ganz einfach. Er konzentriert sich auf das Wesentliche: Du sollst Gott lieben und du sollst die Menschen lieben, die dir begegnen, und zwar mindestens so sehr wie du dich selbst liebst. Denn Jesus ist Realist. Er weiß, dass wir gern als erstes an uns selbst denken.

Damit unterläuft Jesus die Fangfrage des Gesetzeslehrers. Er zitiert einfach die beiden wesentlichen jüdischen Gebote aus der Tora. Aber er verknüpft sie unauflöslich miteinander.

Als Christ kannst du deshalb nicht sagen: Ich liebe Gott, ohne die Menschen zu lieben. Und umgekehrt! Du kannst auch nicht sagen: Ich bin ein Humanist; ich liebe die Menschen; ich setze mich ganz für sie ein, ohne letztlich auch Gott zu lieben. Das ist sein Gebot. Entscheidend ist also nicht der Unterschied zwischen Gläubigen und Ungläubigen, sondern ob wir lieben.

Aber mit dem Lieben ist das so eine Sache. Wenn ich ehrlich bin, kann ich nicht behaupten, dass ich wirklich jede und jeden liebe, die mir begegnen. Und umgekehrt kann ich mir’s auch nicht vorstellen; wie oft bin zu schroff, zu abweisend, zu von oben herab.

Ich kann es immer wieder kaum glauben, wenn ich spüre, dass es Menschen gibt, die mich wirklich lieben. Nicht nur sagen, dass sie’s tun, nein, wirklich spürbar lieben! Das ist doch das größte Geschenk, das einem widerfahren kann. Also in meinem Leben ist das so. Aber wie schwer ist es, sich auch lieben zu lassen; zuzulassen, dass jemand mich so liebt, wie ich nun mal bin. Mir selbst ging es lange so. Erst meine Frau und Jesus, wenn Sie so wollen, haben mir die Augen geöffnet.

Zu lieben, das ist Jesu Gebot. Ist es ein schweres Gebot? Man kann ja klein anfangen. Es genügt ja schon, wenn wir die Anderen, die uns begegnen, als Geschwister sehen, als Schwestern und Brüder, und nicht zuerst als Feinde, als Konkurrenten, als Leute, die es auf meinen Platz abgesehen haben. Geschwister kann man übrigens nicht aussuchen; Freunde schon; und gerade unter Geschwistern ist der Streit oft am größten.

Die Nächsten, und auch die Fernsten, zuerst als Geschwister zu sehen, wäre also ein Anfang, und es wäre nur realistisch. Und es würde uns wegführen vom Hass und hin zur Liebe. Wenn auch vielleicht in kleinen Schritten. Der kleine Weg der Liebe, das wäre schon viel.

Papst Franziskus hat letzte Woche gesagt: „Nur die Liebe macht Platz für den anderen. Nur die Liebe ist der Weg zur vollen Gemeinschaft unter uns.“ Und weiter sagte er:

Wie leicht ist es doch zu kritisieren, gegen jemanden zu sprechen, das Schlechte beim Nächsten und nicht bei sich selbst zu sehen und letztendlich die Schuld auf die Schwachen und Ausgegrenzten abzuwälzen! Der Mangel an Liebe ist […] der tiefste Grund unserer persönlichen, sozialen, internationalen und ökologischen Probleme. Nur an sich selbst zu denken ist die Ursache allen Übels.“

Aber: „Niemand rettet sich allein!“ So der Papst.

Gerade wir Christen dürfen nicht glauben, es gehe für uns nur darum, dass wir selbst in den Himmel kommen, wie es früher hieß; dass ich meine Seele rette. Dieser Heilsindividualismus hat uns jahrhundertlang in Kriege und Feindseligkeiten geführt.

Niemand wird allein gerettet.

Heute ist Weltmissionssonntag. Mission heißt nichts anderes, als dass wir anderen diese befreiende Botschaft von der Liebe bringen. Das gilt für die fernsten Gegenden der Welt genauso wie hier bei uns. Es ist unsere Verantwortung als Getaufte, Jesu Gebot zu erfüllen und Gott wie die Nächsten und die Fernsten zu lieben, Ihnen zu helfen, für sie zu beten.

Jesus lädt uns ein, aus unserem Schneckenhaus, aus unserer Angst vor dem Anderen, auszubrechen und den kleinen Weg der Liebe zu gehen. Denn wir Menschen brauchen nichts so sehr wie Liebe. Deshalb: „Wer liebt, tut immer das Richtige. Und was gegen die Liebe verstößt, kann nicht gut sein“ (Kard. Christoph Schönborn).

Das habe ich im Lauf meiner nun bald 60 Jahre gelernt: Ein Mensch ohne eine Spur von Liebe verdorrt wie eine Traube an einem sterbenden Weinstock.

Nichts brauchen wir Menschen so sehr wie Liebe.

 

(Predigt zum 30. Sonntag im Jahreskreis A am 24.10.2020 in Christkönig, Berlin-Lübars, und am 25.10.2020 in Maria Gnaden, Berlin Hermsdorf, und St. Nikolaus, Berlin-Wittenau.)

Zitate von Papst Franziskus aus: Predigt beim Internationalen Gebetstreffen, Rom, 20.10.2020; zitiert nach: http://www.vatican.va/content/francesco/de/homilies/2020/documents/papa-francesco_20201020_omelia-pace.html#PREDIGT

(Bild: privat)



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