Wachsam sein – aber worauf?

Mk, 13,24-37

Wachsam sollen die Jünger also sein! Das fordert Jesus im heutigen Evangelium von Ihnen: „Seid also wachsam!“ (Mk 13,35)

Na klar, wird man sagen, das war ja auch eine gefährliche Zeit damals. Da tat man gut daran, wachsam zu sein. Und dann auch noch die Erwartung der Endzeit: Dass der Herr noch zu eigenen Lebzeiten wiederkommen wird. Auf alle Fälle sollte man da wachsam sein.

Aber heute? Gilt das auch für uns? Natürlich erwarten wir Jesu Wiederkunft und das Weltgericht, so wie es hier beschrieben ist, nicht zu unseren Lebzeiten. Warum also sollte dieses Wort Jesu auch für uns gelten?

Wir Menschen sind im Allgemeinen sehr wachsam. Zum Beispiel sichern wir sehr wachsam ab, was uns gehört. Da sind wir wachsam. Wir schließen unsere Türen zu; wir bauen Alarmanlagen in unsere Autos und unsere Häuser. Wir versichern alles Mögliche, und sichern so unseren Besitz und hoffen so, uns vor allen Gefahren zu schützen.

Das ist alles wichtig und gut. Aber wiegen wir uns damit nicht oft in einer trügerischen Sicherheit. Jesus sagt nicht: Tut das nicht, denkt nicht an euch selbst! Das sagt er nicht. Ja wenn er hier vom Türhüter spricht, der aufpassen soll, solange der Hausherr auf Reisen ist, kann man denken: Genau darum geht es ihm doch: Wachsam zu sein um unseren Besitz, darum, was uns gehört, damit kein Dieb in der Nacht es uns beraubt.

Ich glaube aber, es geht nicht um unseren Besitz, auf den wir aufpassen sollen. Hier geht es doch um ihn, um den Herrn, der wiederkommt und dessen Worte – wie er hier sagt – bestehen bleiben, auch wenn alles andere vergeht.

Wenn dieses Evangelium uns heute etwas angeht, es etwas mit mir und meinem Leben zu tun hat, und in der Schrift geht es doch immer nur darum, was das, was da steht, mit mir zu tun hat, mit meinem konkreten Leben. Wenn wir hier also gemeint sind, dann können wir doch gar nicht anders als so zu denken wie Jesus denkt! Dann müssen wir doch seine Worte zu unseren machen.

Dann müssen wir aber an die Wachsamkeit und Aufmerksamkeit füreinander denken und vor allem daran, was wir für andere tun können. Also nicht: wo muss ich aufpassen, dass ich nicht zu kurz komme und wachsam sein, auf das, was mir gehört!

Sondern wo kann ich mich um die kümmern, die in Not sind, also die um die Jesus sich gekümmert hat; die er gemeint hat – mit den Worten, die nicht vergehen.

Und da wird es dann für uns Christen ganz konkret:

– Dann dürfen wir nämlich diejenigen nicht vergessen, die in unseren Gemeinden am Rand stehen.
– Dann müssen wir wachsam sein auf Menschen, die unsere Hilfe brauchen, die krank sind, auch seelisch krank,
– die in ihren Zimmern sitzen und einsam sind.
– Dann müssen wir uns darum kümmern, was in unserer Kirche schiefläuft, wo zum Beispiel Frauen ausgeschlossen werden, an den Rand gedrängt werden und leiden.
– Dann müssen wir endlich denen Gehör verschaffen, die in unserer Kirche auf’s Übelste misshandelt wurden.
– Oder denen, die wegen Ihrer sexuellen Identität am Rand stehen oder deren Lebenspläne zerbrochen sind.

Aber dann müssen wir genauso wachsam sein auf das, was in unserer Gesellschaft schiefläuft,
– wo Menschen wirtschaftlich am Abgrund stehen,
– wo unsere Gesellschaft gerade gespalten wird,
– wo wir die Zukunft unserer Kinder zerstören
– oder wo z. B. einfach die Wahrheit geleugnet wird.

Auf all das müssen wir achten und wachsam sein, wenn die Worte Jesu für uns gelten sollen.

Aber noch eins:

Wir stehen jetzt wieder am Beginn des Advent. „Advent“ meint Kommen – das Kommen Jesu, seine Menschwerdung an Weihnachten, und auf die bereiten wir Christen uns im Advent vor.

Im Englischen aber haben Advent und das Wort „adventure“ denselben Wortkern: Advent kann auch ein Abenteuer sein, auf das wir uns einlassen sollen: Das Abenteuer, dass Jesus auch in mein Leben kommt! Dass er wirklich da ist und eine Rolle spielt in meinem Leben. Also nicht nur hier in der Kirche, am Sonntag und an Festtagen. Nein, jeden Tag da ist! Jeden Tag eine Rolle spielt in meinem Leben, dass ich Jesus wirklich spüre mit dem, was er von mir will.

Im heutigen Tagesgebet ist das sehr schön formuliert:

Hilf uns, dass wir auf dem Weg der Gerechtigkeit Christus entgegengehen und uns durch Taten der Liebe auf seine Ankunft vorbereiten“. Dieses Abenteuer, Christus entgegen zu gehen und zwar auf seinem Weg, dem Weg der Liebe und der Gerechtigkeit, das ist eben auch Advent.

Und das ist genau die Wachsamkeit, die Jesus von uns erwartet. Seinen Weg zu gehen, den Weg der Liebe und Zuwendung zu denen, die in Not sind.

Zu Beginn haben wir das bekannte Lied gehört: „Kündet allen in der Not …“. Darin heißt es, dass wir darauf vertrauen können, dass allen Menschen Gottes Heil zu Teil wird (vgl. GL, 221).

Ja, darauf können wir vertrauen – im Advent mehr denn je. Aber wir dürfen eben nicht vergessen, dass es auch auf uns ankommt. Dass wir wachsam sind und auf die achten, die unsere Hilfe brauchen, die in Not sind, die leiden – hier bei uns und anderswo.

 

(Predigt am 1. Adventssonntag, 29.11.2020, in Maria Gnaden, Berlin-Hermsdorf)



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