Österliche Menschen werden!

Joh 15, 9-17

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Wir stehen mitten in der Osterzeit. In diesen Wochen feiern wir – wie jedes Jahr – das Ostergeschehen vor nahezu 2000 Jahren. Doch dieses Ostergeschehen ist nichts Vergangenes. Wir stehen wortwörtlich in der Osterzeit. Wir stehen – auch heute – ganz unter der Erfahrung des Ostergeschehens, so wie es im heutigen Tagesgebet heißt: Wir preisen die Auferstehung unseres Herrn,damit das Ostergeheimnis, das wir in diesen fünfzig Tagen feiern, unser ganzes Leben prägt und verwandelt“. Aber wie prägt und verwandelt Ostern unser Leben? Nun, indem wir österliche Menschen werden. Österliche Menschen. Aber woran erkennt man die? Woran erkennt man uns als österliche Menschen?

Zuallererst natürlich an der Hoffnung, die uns erfüllt; an der Hoffnung, dass auch wir durch den Weg Jesu, durch seinen Tod und seine Auferstehung eine ganz neue Lebensperspektive bekommen haben; die Hoffnung, dass damit auch unser Weg ein Ziel hat, das Ziel: Jesus Christus. Und dann: dass wir Jesus auf seinem Weg folgen wollen, dass wir seine Freunde sind; „Freunde“, wie es hier im Evangelium heute heißt: „Ihr seid meine Freunde“. „Freunde“ – und eben nicht „Knechte“ oder „Sklaven“! Im griechischen Original steht hier: „Sklaven“. Wir sind nicht Knechte und wir werden nicht zu Knechten, wenn wir Jesus auf seinem Weg folgen. Aber wie folgen wir ihm auf seinem Weg? Wie sind wir seine Freunde? Ganz einfach: „Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage.“ Und was trägt er uns auf? – Noch einfacher: „Liebt einander!“

Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe.“ Das sagt er uns. Das ist sein Gebot für uns, und: „Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe.“ Daran erkennt man uns als österliche Menschen, dass wir einander lieben.

Aber „Liebe“ ist ein großes Wort. Vielen ist es heutzutage zum Unwort geworden, weil es so oft missbraucht wird; weil es banalisiert wird; weil es zu bloß pathetischem Gerede wird: Liebe à la Hollywood.

Stattdessen sagt Jesus hier: Die größte Liebe haben jene, die ihr Leben hingeben für ihre Freunde. Hingabe steht da. Und was ist Hingabe? Also, sein Leben hinzugeben, kann natürlich heißen, in den Tod zu gehen. Heute ist der 100. Geburtstag von Sophie Scholl. Das, was sie tat, war mit Sicherheit Hingabe, natürlich! Und von vielen wird sie deshalb ja völlig zu Recht als Märtyrerin betrachtet.

Aber Hingabe geht natürlich auch kleiner, alltäglicher: Immer, wenn wir anderen Gutes tun, Ihnen Wohl-wollen, wenn wir den eigenen Egoismus überwinden, dann ist das auch Hin-gabe, ganz alltäglich, im ganz Kleinen. Und da fallen uns allen natürlich unzählige Beispiele ein: in den Familien z.B., die Eltern, die Großeltern; oder auch im Beruf! Diejenigen, die sich jeden Tag immer wieder aufopfern für andere. Das ist auch Hingabe. Das ist auch Liebe. Oder diejenigen, die sich um Notleidende kümmern; um Arme; um Kranke; um Einsame. Die wird Liebe und Hingabe ganz konkret.

Jesus gibt uns nur dieses eine Gebot: Liebt einander! Das gilt übrigens ganz besonders auch für die Kirche. Gerade in ihr sollen wir ja einander lieben, und eben nicht nur über andere richten, sie beurteilen oder verurteilen! Leider wurde das Wort „lieben“ auch in den Kirchen so unzählig oft missbraucht. Und ich meine jetzt gar nicht den kriminellen Missbrauch. Es reicht ja schon, dass man so oft das Gefühl hat, die Kirche sei bloß eine Behörde, so wie andere Behörden, die dazu da sind, unser Zusammenleben zu regeln. Oft meint man, die Kirche sei eine Organisation, die vor allem dafür zu sorgen hat, dass alles nach Recht und Ordnung abläuft – nur eben nach Gottes Ordnung! Und das hat dann leider oft weniger mit Liebe zu tun als mit Richten und Urteilen.

Die Kirche ist aber zu nichts anderem da, als Gottes Liebe unter den Menschen zu verbreiten. Sie ist letztlich nur ein Instrument für Gottes Liebe; was wiederum nicht meint, dass die Kirche gleichsam die Liebe Gottes verwalten würde. Nein: Sie ist allein dazu da, den Menschen dabei zu helfen, diese Liebe zu leben; und damit Jesus auf seinem Weg nachzufolgen. Das dürfen gerade wir Kirchenleute nicht vergessen. Wir sind nicht in erster Linie Behördenmitarbeiter, die nur darauf zu achten haben, dass alles juristisch einwandfrei läuft. Das ist sicher auch wichtig; natürlich! Aber in aller erster Linie sind wir Diener des Wortes, Diener der Liebe Gottes und der Liebe unter den Menschen.

Aber wie oft versagen wir hier? Denn da wird es ja konkret: Da gilt das Lieben nämlich nicht nur für die, die genauso sind wie wir. Also gut katholisch. Nein! Das Lieben gilt dann auch für die, die nicht so sind; die am Rand sind; die anders sind; für die Ausgegrenzten; die Schmutzigen. Auch ihnen gilt Gottes Liebe. Und Ihnen vielleicht sogar zuallererst, und auch ihnen haben wir Gottes Liebe zu bringen.

Aber nicht nur das! Die heutige Lesung sagt uns ja noch mehr. Sie sagt: Der Gott Jesu Christi selbst ist ja nichts anderes als Liebe und Barmherzigkeit. Gottes Wesen ist es zu lieben. Und Gott liebt uns z.B. nicht etwa, weil wir so liebenswert sind, sondern weil er selbst Liebe ist; Liebe und nichts anderes. Seine Liebe ist immer schon da; wir müssen nur bereit sein, uns lieben zu lassen; dieser Liebe in unserem Leben Raum zu geben; dieser Liebe zu vertrauen.

Jesus zeigt uns Gott genauso, wie er ist, und er sagt uns klipp und klar: „Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt“. „Denn Gott ist Liebe.“ Woran also erkennt man uns als österliche Menschen? Daran, dass wir mehr lieben als richten.

(Predigt zum 6. Sonntag der Osterzeit, 8.5.2021, St. Hildegard, Berlin-Frohnau, und 9.5.2021, Maria Gnaden, Berlin-Hermsdorf)



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