“Was Gott verbunden hat, …”

Mk 10, 2-16

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Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen.“ Wir alle kennen diesen Satz, und wenn wir ihn hören, wissen wir: Heute geh es im Evangelium um Ehescheidung; und natürlich denken viele dann: Kirche und Scheidung – ein heißes Eisen. Wie so viele heiße Eisen heute; wir haben es gerade beim synodalen Weg und bei der Bischofskonferenz wieder gehört. Und wie viele sind sich sicher: Was die Kirche hier vertritt, ist mit unseren modernen Vorstellungen nicht mehr vereinbar, gerade in einer durch und durch demokratischen Gesellschaft. Die Kirche solle sich einfach rauszuhalten und den Menschen nicht Vorschriften machen, die sie als unzeitgemäß, ja unmenschlich empfinden. Aber es stimmt ja: Wie oft wurde von der Kanzel herab gepredigt, Scheidung ist einfach nicht vorgesehen? Fertig. Wenn man in der Ehe leide – wie sehr auch immer – dann müsse man das eben aushalten? Das müsse man dann halt als Kreuzesnachfolge sehen.

Wie oft haben wir in unserer Kirche hier einen rigoristischen und völlig unbarmherzigen Standpunkt vertreten? So wie in anderen moralischen oder rechtlichen Fragen eben auch; den anderen so genannten heißen Eisen. Ganz nach dem Motto: Da gibt es richtig oder falsch. Und was Gott für richtig erklärt habe, das dürfe der Mensch eben nicht falsch machen. Punkt. – Aber ist es so einfach?

Bleiben wir hier beim Evangelium! Geht es Jesus hier einfach nur um das Verbot der Ehescheidung? Zunächst belehrt Jesus hier die Pharisäer, also Leute, die höchst penibel darauf bedacht waren, alles richtig zu machen, was Mose ihnen vorgeschrieben hat; jedes Gesetz genau einzuhalten, um anständig zu sein. Deshalb der Scheidungsbrief! Nun muss man die Gesellschaft bedenken, in die diese Sätze hineingesprochen wurden: „Diese Szene ist auf dem Hintergrund der Rechtlosigkeit zu sehen, mit der in der Antike die Frau dem Mann in der Scheidungsfrage gegenüberstand. Das Scheidungsrecht war [im Judentum] ein Privileg der Männer. … Jesus weiß um die Willkür, die dieses Herrschaftsrecht den Männern gegenüber Frauen einräumt. Er weiß, wie viel Erniedrigung und Entwürdigung vielen Frauen zugefügt wird.“ (vgl. Köster, Peter: Auslegung zum Evangelium, in: Magnificat. Das Stundenbuch, Oktober 2021, S. 35.)

Jesus sagt zu ihnen: „Nur, weil ihr so hartherzig seid, hat euch Mose dieses Gebot gegeben.“ Aber Jesus ist eben nicht hartherzig. Denn, was er dann hier sagt, heißt nicht: Mein Gebot ist noch härter, ich erlaube euch nicht einmal die Scheidungsurkunde. Das steht das nicht. Da steht: Frau und Mann werden ein Fleisch sein, sie werden eins sein, verbunden sein in einer Weise, die Gott will. Und was will Gott? Wie will Gott, dass Menschen untereinander verbunden sind? Jesus geht es hier doch zuallererst um die liebende Beziehung unter zwei Menschen. Wenn zwei Menschen einander so lieben, dass sie eins sind, „ein Fleisch“, wie hier steht, und das als Ehebund verstehen, sie selber, dann will Gott genau das: Dass sie einander so lieben, dass sie eins werden.

Ich weiß: Das ist schwer genug: Den anderen Menschen so anzunehmen, wie sie oder er ist; ganz anzunehmen, nicht anders haben zu wollen, sich ganz hinzugeben und mit ihr oder ihm eins zu sein – durch die Tiefen und Untiefen des Lebens hindurch. Auch wenn der andere Mensch eben nicht so ist, wie ich ihn mir wünsche. Diese Art der Beziehung, diese liebende Hingabe, will Jesus. Und um die geht es ihm hier. Und genau deshalb sagt er: Man dürfe eben nicht die Frau oder den Mann einfach „entlassen“, wörtlich: rauschmeißen aus der Beziehung. – Aber seien wir realistisch: Wie oft scheitern Beziehungen? Wie oft scheitern die besten Absichten? Und dann stellt sich die Frage: Gibt es hier die Möglichkeit, dass eine Ehe weiterbesteht, oder besteht sie gar nicht, weil dieser liebende Bund zwischen den zweien gar nicht da. Ich weiß, welche Tragödien sich hier oftmals abspielen. Ich weiß aber auch: Was Jesus garantiert nicht will, ist Hartherzigkeit! Unbarmherzigkeit! Lieblosigkeit!

Und plötzlich tauchen da im Evangelium Kinder auf, die Jesus segnen soll. Diesmal es die Jünger, die zunächst hartherzig sind; sie weisen die Leute zurecht, so nach dem Motto: Man dürfe den Meister doch nicht mit Kindern stören, und Jesus sagt: Genauso so vertrauensvoll wie Kinder sollen wir alle sein, wenn wir in Gottes Gegenwart leben wollen. Kinder waren zu dieser Zeit gesellschaftlich ganz unten; bedeutungslos. Aber genauso wie Kinder, will Jesus uns. Das ist nicht naiv und ein bisschen blauäugig. Werdet wie die Kinder! Die keine Leistung aufweisen, die nur ihre leeren Hände hinhalten können. Werdet in eurem Verhältnis zu Gott und zueinander so wie Kinder es sind – in unvoreingenommener Liebe. Das ist nicht naiv. Das ist höchst realistisch. Kinder vertrauen, dass sie das, was sie zum Leben brauchen, völlig umsonst geschenkt bekommen. Und das zu Recht.

Wenn Jesus hier also die Kinder in die Mitte stellt und sie segnet, dann nicht, weil er ein bisschen naiv ist. Nein!

Nur dann, wenn wir die oder den Andere/n, auch in der Ehe, aber in jeder menschlichen Beziehung, so vertrauensvoll, so arglos, annehmen, wie Kinder es tun, nur dann vollzieht sich Liebe, liebende Hingabe.

Nehme Gott uns die Hartherzigkeit und Lieblosigkeit und schenke uns die kindliche Liebe für einander, die nur seine Barmherzigkeit geben kann. Dann sind wir schon hier im Reich Gottes!

 

(Predigt zum 27. Sonntag im Jahreskreis B am 3.10.2021 in Maria Gnaden, Berlin-Hermsdorf)

Bild: privat



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