Wir werden weniger, aber ER wird nicht weniger

Evangelium

Die heutige Stelle aus dem Johannesevangelium nannte man früher das „Hohepriesterliche Gebet“,  heute oft auch das “Abschiedsgebet Jesu”. Es ist die zentrale Stelle seines Abschieds von den Jüngern in Jerusalem. Am Abend vor seinem Leiden feiert er mit seinen Jüngern das Abendmahl und wäscht ihnen die Füße. Damit gibt er ihnen seine zentralen Zeichen: Eucharistie und Diakonie, also die Zeichen seiner Liebe und Hingabe, die auch zu den Zeichen seiner Nachfolger, seiner Kirche, werden sollen.

An den letzten beiden Sonntagen haben wir aus dem Johannesevangelium unmittelbar zuvor seine Abschiedsreden, sein Testament gewissermaßen, gehört:

Dort sagt er, dass er derjenige ist, aus dem wir das Leben haben, so wie die Reben aus dem Weinstock (vorletzten Sonntag), und dass wir in dieser Verbindung mit ihm, in seiner Liebe, bleiben sollen. Und dass keine Liebe größer sei, als wenn einer sein Leben hingebe für seine Freunde (letzten Sonntag).

Heute nun fasst er das alles zusammen in diesem einem Gebet an den Vater: „Vater, ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. … Bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, damit sie eins sind wie wir!“ (Joh 17,6 f..) Und was will er für uns Menschen? Dass wir die vollkommene Freude haben.

Jesus hat uns ein für alle Mal den Namen Gottes offenbart, er hat uns gezeigt, wer Gott ist und wie Gott ist. Niemand hat Gott je gesehen, nur dieser eine: Jesus. Er ist – wie die Theologen sagen – die Selbstoffenbarung Gottes. Nur durch ihn können wir überhaupt etwas wissen von diesem schlechthin „unbekannten Gott“. Nur deshalb nennen wir Jesus das Wort Gottes. Wir glauben: Allein dieser Jesus zeigt uns Gott so, wie er ist. Und er sagt uns – das haben wir gerade in der zweiten Lesung (1 Joh 4,16) nochmal gehört: GOTT IST LIEBE und nichts sonst, vollkommene, bedingungslose, vor-leistungsfreie Liebe. Gott kann nichts außer lieben. Und was nicht Liebe ist, ist nicht Gott. Und wenn Gott uns so liebt, sagt Jesus, dann müssen auch wir einander lieben. Das gibt er seinen Jüngern, also uns, seinen Gemeinden, mit auf den Weg. Und zwar als den „Geist der Wahrheit“, wie hier steht.

Das Wort „Wahrheit“ ist nicht ganz einfach. Wir denken bei Wahrheit immer an „Richtigkeit“. Wenn etwas richtig ist und nicht falsch, dann ist es wahr. Das griechische Wort, das hier für Wahrheit steht, meint aber wörtlich: Un-Verborgenheit. Wahrheit meint hier also „offenbar werden“; genau das, was Jesus über sich selbst sagt.

Deshalb sagen wir auch: Dass die Wahrheit eine Person ist, nämlich Jesus Christus, die Un-Verborgenheit Gottes, der Liebe ist und nichts sonst. In diesem Geist, den er uns schenkt – und das feiern wir an Pfingsten – sehen wir Gott also so, wie er ist. In diesem Geist bleibt er bei uns; für immer! Und in diesem Geist finden wir das, was er für uns will: „Freude in Fülle“ (Joh 17,13).

Nur in diesem Geist, so sagt er, spüren wir Gott, hier und jetzt, und zwar immer dann, wenn wir Liebe spüren, seine bedingungslose, vor-leistungsfreie Liebe. Und darin sind wir eins, alle Christinnen und Christen, eins mit ihm. Darin begegnen wir ihm und können einander begegnen.

Das hat, wie ich  finde, enorme Konsequenzen, auch für uns heute; für uns als die „Nachfolgerinnen und Nachfolger“ der Jünger, als Gemeinden Jesu, als katholische Gemeinden, als Kirche. Denn darin erkennen wir: Wenn wir in diesem Geist bleiben, dann ist Kirche für uns nicht zuallererst eine “Glaubens-Behörde”, die uns mit dem Nötigsten zu versorgen hat – durch ihre Amtsträger und ihre Autorität.

Nein! Kirche ist zuallererst der Geist dieser Wahrheit, dieser Unverborgenheit der bedingungslosen, vor-leistungsfreien Liebe; seiner Liebe, seiner Barmherzigkeit und Hingabe – für uns. Und zwar auf allen Ebenen der sozialen Struktur dieser Kirche, vom Papst bis zu den einzelnen Gemeinden. Und nur in diesem Geist sind wir eins: EINE Kirche, eine Gemeinschaft der Nachfolge.

Heute ist viel davon die Rede, dass Kirche quasi „abbruchreif“ sei: Immer „weniger Gläubige, weniger Ehrenamtliche, weniger pastorale Mitarbeitende, [vor allem weniger Priester und] weniger Geld.” (Generalvikar Christoph Neubrand, vgl. https://www.katholisch.de/artikel/52754-anonym-aber-notwendig-ueber-sinn-und-unsinn-von-grosspfarreien). Und es stimmt: „Das bisherige Pfarreisystem trägt nicht mehr” (ebd.). Deshalb werden die Pfarreien immer größer, immer anonymer, die Versorgungskirche immer geringer. Das erleben wir gerade – auch in Berlin, auch hier bei uns.

Unser Erzbischof hat es letztes Jahr an alle Gemeinden geschrieben – und in den neusten Pfarrnachrichten unserer Pfarrei steht es nochmal zu lesen: Wir müssen uns auch von bisherigen Immobilien trennen, weil deren Erhalt unbezahlbar geworden ist.

So, wie es über lange Zeiten selbstverständlich war, wird es nicht bleiben. Allein schon, weil wir das Personal nicht mehr haben, das ganz selbstverständlich diese Versorgungskirche garantiert hat; und weil wir die Ehrenamtlichen nicht mehr haben und das Geld und die Gläubigen auch. Wir werden weniger.

Jetzt können wir uns hinsetzen und deprimiert sein, dass früher alles besser war; und ich verstehe jede und jeden, die traurig sind oder sich abwenden und keine Zukunft mehr für diese Kirche sehen.

Wir können aber auch auf diesen Jesus und sein Wort vertrauen: dass er uns nicht allein lässt, dass er “Freude in Fülle” für uns will, auch wenn die Kirche heute oft so freudlos wirkt. Auch wenn sich die Sozialgestalt der Kirche vielleicht ändert. Auch wenn wir weniger werden – zumindest hier bei uns: ER wird nicht weniger. Seine Botschaft der Liebe, sein Geist der Wahrheit, bleibt, und führt uns auch in die Zukunft.

Und was sollen wir als Gemeinden dann tun?

Vielleicht zunächst einmal weniger erwarten vom Personal, von den Strukturen, vom Geld, von der gegenwärtigen Sozialform. Vielleicht mehr selbst in die Hand nehmen, mehr selbst anfangen, mehr aufbrechen und gemeinsam seinen Geist der Liebe spüren.

Das heißt nicht, dass wir alle uns ständig um den Hals fallen und uns ach wie liebhaben. So banal ist es nicht. Aber es heißt auf alle Fälle, dass wir den Anderen nicht von oben herab begegnen, sie und ihn achten und uns einig wissen in unserer Bedürftigkeit nach Liebe und Vergebung. Und zwar alle: die Amtsträger, die Engagierten, die, die einfach nur in einen Gottesdienst kommen und beten wollen, die Zweifelnden oder Fernstehenden. ALLE!

Denn das zeichnet uns Christen aus: Unsere Hoffnung und unsere Freude finden wir in seiner Liebe. Zuallererst!

Wie dann das Gemeindeleben künftig konkret aussehen wird, ist noch nicht absehbar. Auf alle Fälle im gemeinsamen Gebet, im Feiern der Sakramente, im Hören auf sein Wort. Aber vielleicht auch in neuen Formen. Das müssen WIR gemeinsam gestalten. Wir werden weniger, aber ER wird nicht weniger.

Er trägt uns und befreit uns aus der Macht der Angst um uns selbst, und immer dann, wenn wir dies spüren, wenn wir Trost finden, wenn wir Hoffnung finden, wenn wir einander begegnen und sein Wort hören, IHN hören, dann werden wir und bleiben wir eins in ihm und finden “Freude in Fülle“.

(Predigt zum 7. Sonntag der Osterzeit am 11.5.2024 in St. Hildegard, Berlin-Frohnau)

 

Bild: Christusmosaik über dem Grab des Apostels Petrus in St. Peter im Vatikan (Foto: privat)

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