75 Jahre Kriegsende

Heute vor 75 Jahren endete in Europa der II. Weltkrieg. Für die allermeisten war es ein Tag der Befreiung, der Tag, an dem der menschenverachtenden Tyrannei der Nazis – Gott sei Dank – ein Ende gemacht wurde. Unermesslich ist das Leid, das Menschen erfahren haben in diesem Krieg und in dem, was ihm vorausging und was ihm folgte. Kaum vorstellbar ist es für uns heute, was Deutsche anderen Völkern und sich selbst angetan haben.

Als Christ stellt man sich unwillkürlich die Frage: Wo war Gott in all dem Leid? Wie konnte er es zulassen, dass so viel Hass von den Tätern und ihren Mitläufern ausging? Weshalb mussten so viele Unschuldige ihr Leben lassen?

Eine Antwort darauf fällt mir schwer. Schnell bin ich mit der Erklärung bei der Hand, dass Gott uns Menschen frei erschaffen hat, frei zu tun und zu lassen, was wir wollen. Er hat uns die Freiheit der Entscheidung zwischen Gut und Böse gegeben. Ja! Das stimmt. Aber allein in dieser Erklärung finde ich gerade als Christ keinen Trost. Denn heißt das nicht, dass Gott sich eben nicht kümmert, dass wir allein gelassen sind, ganz allein verantwortlich für das, was passiert? Wo ist dann Gott?

Als Christen finden wir Trost nur darin, wie Jesus selbst gehandelt hat. Als Christen glauben wir, dass Gott immer bei den Opfern ist, so wie Jesus selbst es war. Auf die Frage, wo Gott denn damals war, kann ich als Christ nur antworten: Er war in den Gaskammern, er war in den Schützengräben, er war an den unzähligen Kreuzen, die Menschen durch Menschen erlitten haben.

Als Christ glaube ich, dass Gott uns zwar Freiheit gegeben hat und Verantwortung für unser Handeln, aber dass er uns trotzdem nie verlässt und in unseren dunkelsten Stunden gerade dort ist, wo Leid und Not sind, auch dann, wenn wir ihn nicht sehen und nicht erfahren können.

Ich glaube aber auch, dass uns Gott erschaffen hat, damit wir mit all unserer Kraft für Freiheit und Verantwortung kämpfen, für Menschlichkeit und Barmherzigkeit, und vor allem glaube ich, dass wir zu allererst eins sein sollen: Boten seiner Liebe! Und das Kreuz, das hat Jesus ein- für allemal gezeigt, ist das Symbol dieser Liebe.

 

(Geistlicher Tagesimpuls am 8.5.2020, 75 Jahre nach dem Ende des II. Weltkriegs)

(Bild: Diego Velázquez: Der gekreuzigte Christus, 1632, Museo del Prado, Madrid, ©️ gemeinfrei)



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